Sich den Genüssen hingeben


Albert Einstein und Charlie Chaplin: Zusammen sind die Köpfe der Genies riesengroß abgebildet. Beide in Denkerpose, die Hand unter dem Kinn. So zu sehen auf der Hauswand der Taverne Epsilon an der Weißenburger Straße 42. Weniger nachdenken, sondern einfach genießen. Dass würden die beiden Genies heute sicherlich, wenn sie in die Taverne einkehren oder im Sommer im kleinen begrünten Außenbereich direkt vor ihren Konterfeis Platz nehmen würden.

Auch im Inneren der Taverne steht Wandbemalung hoch im Kurs. Griechische Sonnenuntergänge am Meer oder große tonfarbene Weinkrüge. Dazu hängen noch etliche Bilder an der Wand, gemalt von der Chefin Eleni Zissi höchstpersönlich. In einer Säule ist sogar eine typisch griechische Gebetsnische eingelassen. Zum Beten kommt man aber nicht in die Taverne, dann schon eher zum Philosophieren oder Wellness in Sachen Essensaufnahme. Hippokrates Motto wird gehegt und gepflegt: „Deine Nahrungsmittel seien deine Heilmittel“, sagte der griechische Mediziner, geboren um 460 v. Chr. Oder auch die Meinung von Serge Renault, ein international anerkannter Herzspezialist, wird auf der Homepage des Lokals kundgetan: „Der Gesundheitszustand der Europäer würde viel besser sein, wenn alle sich wie die Griechen im antiken Hellas ernährt hätten. Die griechische Speisekarte sollte der internationalen Gastronomie als Vorbild dienen.“ Eine Forderung, der man nach einem Besuch der Taverne sogar in gewisser Weise zustimmt.

Zu den typischen Charme der Taverne gehört ebenso die robuste Art des männlichen Obers, der oft nuschelnd und mit etwas heiser klingender Stimme die Bestellung aufnimmt. Das wirkt manchmal ein wenig rabiat, darf aber nicht falsch verstanden werden. Es ist einfach seine Art, die irgendwie auch in ihrer Trockenheit ein wenig der ostwestfälischen Mentalität ähnelt. Wenn man das versteht, kann man auch viel mit ihm lachen.

„Zweimal Tzatziki“ und dazu den griechischen Weiß- und Rotwein vom heiligen Berg Athos auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki, der den ganzen Abend ein guter Begleiter ist. Auf dem Berg Athos leben Mönche nach eigenem Gesetz und entsagen allen Lebensfreuden. Das macht man den Mönchen in der Taverne Epsilon dann mal nicht nach, sondern lebt besser genau das Gegenteil. Sich allen Genüssen hingeben, ansonsten verpasst man viel.

Gut so, denn schon das Tzatziki ist eine Wucht. Dem Motto der Taverne Epsilon: „Griechisch mal anders“ wird schon das Tzatziki gerecht, denn es unterscheidet sich an Frische und Konsistenz von den meisten anderen Varianten. Mit viel frischem Joghurt, Knoblauch, Gurke und hausgemachtem Weißbrot erweist sich die Vorspeise als Erlebnis, für das sich der Besuch der Taverne schon gelohnt hat. Mezedes steht für die griechische Tapas-Variante. Die gibt es bei Epsilon in Hülle und Fülle, so um die 50 verschiedene, warm oder kalt. Gyros steht nicht auf der Karte, dafür aber viele andere Fleisch- und Fisch-Gerichte.

Weiter geht es mit dem Salat der Saison. Für den Preis bekommt man aber viel geboten. Der Salat, mit Rohkost wie Lauch kombiniert, bekommt zudem viel Raffinesse durch Orangenstückchen und Granatapfelkerne. Das zeigt, dass auch Salat mit ein paar zusätzlichen Zutaten aufregend zubereitet werden kann. Mit warmen Mezedes geht es in die nächste Runde. Wunderbar frisch ist auch die ganze Aubergine vom Grill, gefüllt mit rohen Tomatenwürfeln, Kräutern, Knoblauch und Schafskäse. Dezent gewürzt lässt sie den Aromen der Zutaten viel Platz. Und gibt es etwas Wunderbareres als traumhaft zartes Lammfleisch? Schwer vorstellbar, jedenfalls für Fleischesser. Gehört man zum letzteren Typus, dann ist man in der Taverne goldrichtig. Das Hauptgericht Kokinisto, das geschmorte Lammfleisch in Tomatensauce mit grünen Bohnen oder weißen Riesenbohnen lässt die Hezen von Lammfleisch-Fans höher schlagen. Man kann das Gericht aber auch mit Kartoffeln aus dem Backofen ordern. Das Fleisch im Tontopf und im würzig-fruchtigen Sud ist so zart geschmort, dass es auf der Zunge zergeht. Der trockene Athos-Rotwein ist der ideale Begleiter. Die Portion ist nicht massig, dafür bekommt man gute Qualität zu einem Preis, der völlig in Ordnung ist. Und klar, was wäre ein Besuch beim Griechen ohne Ouzo, den gibt es gratis zum Abschied. Doch bis zum Wiedersehen, da ist man sich sicher beim Verlassen des Epsilons, wird es nicht lange dauern.

Der Blick geht noch mal zu Einstein und Chaplin auf die Hauswand hinauf. Nach einem Besuch stellt man sich die beiden Genies aber nicht mehr in Denkerposen vor, sondern sich verneigend vor den Genüssen der Taverne.